1,2,3,4…

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Hier ist eine Triggerwarnung angebracht

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Er ist noch im Wohnzimmer und ich höre mal um mal das Geräusch, wenn er die Flasche ansetzt und trinkt, gluckgluckgluck und wie er schmatzend absetzt, ausatmet. Wieder und Wieder – Schluck für Schluck…dazwischen das Blubbern von der Bong…ausatmen, den Rauch an die Zimmerdecke pustend…das Ratschen vom Feuerzeug und das Geräusch, wenn er die nächste Kanne öffnet. Wie das Ticken einer Uhr an der Wand…

Manchmal beobachte ich ihn dabei, wenn ich auf dem Sofa mit dem Baby sitze und meine Tochter um uns herumwuselt… ich habe mir mit den Jahren angewöhnt, die  Flaschen zu zählen, um zu wissen, wie weit er ist: 5,6,7,8,9,10…am erträglichsten ist er Abends zwischen 4-6 denn da ignoriert er mich und zockt. Bei 6 bringe ich die Kinder ins Kinderzimmer und gehe anschliessend selber ins Bett, wickele mich in die Decke und drehe mich ganz nah an die Wand…und lausche…

7

8

9

10

Er kommt…ich höre ihn im Flur rotzen während er mit schweren Schritten ins Bad wankt, es plätschert kurz und ich versuche so flach und leise zu atmen wie ich kann und rücke noch etwas näher an die Wand, gleich geht es wieder los…

Nachdem er sich die Klamotten ausgezogen hat, wirft er sich grunzend auf das Bett, rutscht an mich ran und atmet bierschwer in meinen Nacken…seine Hände gleiten an meinen Körper…ich rühre mich nicht und atme lautlos, nur atmen, die Berührung ausblenden, ich bin nicht hier…

Die Frage ist nun, wer früher aufgibt, solange kein Schnaps im Spiel ist, habe ich ganz gute Chancen.

Während er sich stöhnend an mich drückt, ignoriere ich ihn, stelle mich schlafend…ruckartig richtet er sich auf und auch ohne ihn anzusehen, kann ich seinen verächtlichen Blick spüren und höre, wie er wütend heftig ausatmet.

“ Du kannst doch froh sein, wenn dich überhaupt einer anfasst….“

Diese Worte durchdringen mich ohne Effekt, ich rühre mich nicht, atme lautlos und so flach ich kann weiter in mein Kissen, während er sich wieder ankuschelt, wieder anfängt, mich zu streicheln.

Bebend vor Zorn und Erregung greift er meine Schulter „Na, war Dirk wieder unten hast es dir von ihm besorgen lassen ? “

Ich möchte nicht hier sein, und ein Teil von mir ist schon seit so vielen Jahren fort, das ich mich kaum an ihn erinnern kann. Im Grunde geht es nur noch um Taktik und die Frage, wann es das kleinere Übel ist, nachzugeben und ihn drüber zu lassen, damit er endlich Ruhe gibt.

Immerhin schlägt er mich nicht, weil er weiß, das das der Punkt wäre, an dem ich ihn verlassen könnte.

Einmal, da war ich im 5ten Monat schwanger, warf er sich auf mich verdrehte mir den Arm und drückt mein Gesicht auf den Küchenboden- kurze Zeit später brülle ich an der Haustür meine Nachbarn an, die versuchen mich zu „retten“ das sie sich verpissen sollen….

Niemand würde mich nochmal zum scheiss Opfer machen ! Diese Leute waren nicht für mich da, als ich sie wirklich gebraucht hätte und jetzt machten sie sich groß, indem sie die Helden spielten und mir den Einzigen nehmen wollten, der mir geblieben war. Der zu mir kam, als ich ganz unten war, als alle mich hatten fallen lassen,  meine Familie mich verstieß, der für uns betteln ging…Nur, weil ich nicht stark genug gewesen war.

3 Jahre und einen Umzug später liege ich in meinem Bett, stelle mich tot und wäge ab, ob ich mich nun von ihm ficken lasse, um den Beschimpfungen – und je nach Pegel der Randale zu entgehen.

Sein einziges Problem mit Alkohol war neben der Beschaffung, das ich ein Problem mit der Sauferei hatte. Unser Kind hatte mir damals die Perspektive und einen Grund gegeben, weiterzuleben, doch diesen Kampf um ihn konnte ich nicht gewinnen.

Nachdem er mich in einem Streit vor den Augen meiner Tochter würgte, während ich unseren Sohn auf dem Arm hielt, sagte ich nichts mehr, ich entschied, das meinen Kindern zu ersparen, sie sollten nicht mit einem Säufer aufwachsen wie ich, sie sollten nicht länger mit Alkohol leben müssen. Ich plante die Flucht, meine Nachbarin half mir, alles heimlich zu verpacken, die anderen Nachbarn halfen mir, den Transporter zu beladen, und sie standen Spalier und klatschten, als wir abfuhren.

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Wir müssen reden.

Warum ist es in dieser Gesellschaft eigentlich so schwer, als Überlebende / Überlebender offen über (sexualisierte) Gewalt zu sprechen ?

Man wünscht den Betroffenen viel Kraft, um über das Erlebte hinweg zu kommen und versichert ihnen, das es ja zum Glück vorbei sei, und das man sie bewundern würden, wie stark sie wären, das sie positiv denken sollten, nicht so negativ denken sollten, das das Leben ja weitergeht, das man da jetzt blos nicht darin versinken/sich reinsteigern sollte, sich hängen lassen sollte, am besten sollte man versuchen, das ganze (endlich) zu vergessen, sich abzulenken, weitermachen (als ob das nie geschehen ist), sich einen Therapeuten suchen (*hierbitteeinweniggelächter*), dem Täter doch nicht mehr soviel Macht geben [sic !]. Jeder und Jede Überlebende wird diese gutgemeinten und doch z.T. verheerenden  – und stumm machenden – Sätze kennen, sofern das Schweigen gebrochen wurde.

Ich habe das viel zu viele Jahre genau so durchgezogen, – defakto wie gewünscht verdrängt  (<-und nichts anderes bedeutet die Strategie die hinter diesen Ratschlägen steckt und die im Falle eines Traumas eine Heilung faktisch verhindert und z.T. bis in die soziale Isolation drängt) um für andere zu funktionieren oder unsichtbar zu werden – bis es mich fast das Leben gekostet hätte.

Gut gemeint, ja -und das sehe ich auch …aber mal ehrlich…  Der Rest ist Schweigen und diese Stille ist so verdammt schädlich, dahinter klingelt die Kasse vom Kopfkino und das emotionale Bullshitbingo auf allen Seiten… man fühlt sich überfordert mit der Verantwortung (!) für jemand der so „krank“ ist, will nicht so tief mit hineingezogen werden und man hört und liest ja auch soviel – Borderline z.B. (im TV)  oder der/die will bestimmt nur Aufmerksamkeit, ist hysterisch … und selbst wenn da was dran ist – so genau kann man das auch nicht wissen, wie man dann damit umgeht da hat man ja dann auch keine Lösung parat, man ist ja doch kein Therapeut, der/die sollte sich besser um sein Leben jetzt sorgen, anstatt an der Vergangenheit zu kleben, und überhaupt wenn man da einmal anfängt sich zu „kümmern“, kommt man da ja auch nicht mehr raus…(beliebig erweiterbar) die Ängste und Vorbehalte sind  vielfältig und ohne das man sie aussprechen kann und auf den Realitätsgehalt abklopft wird sich daran auch nichts ! ändern. Aber warum ist das so ?? Warum überhaupt bilden sich Menschen ein, Urteile fällen zu dürfen oder einem ungefragt Ratschläge geben zu dürfen, nur weil man etwas bestimmtes erlebt hat ?

Ich habe inzwischen den Eindruck gewonnen, das „Opfer“ ein extrem mißverstandener Begriff ist und es dort gewaltig der kritischen Reflektion der eigenen Wahrnehmung bedarf. Nicht zuletzt liegt das imho an der Darstellung in den Medien, die meilenweit an der Realität vorbei geht und in denen zumeist unerträglich sexistische Stereotypen immer wieder auf das stumpfeste mal um mal wiedergekäut und auf die Bildschirme gekotzt werden.

Es ist für mich in diesem Zusammenhang auch überhaupt keine Überraschung, daß viele der vorw. negativ belegten Eigenschaften, die so einem „Opfer“ regelmäßig unreflektiert und reflexartig zugeschrieben werden, zu großen Teilen Identisch mit denen sind, die „klassischerweise“ auch oft für Frauen – oder  andere vermeindlich „schwache“ Menschen geltend gemacht wurden und werden. Eben genau jene Attribute, mit denen Bevormundung, Stellvertretertum und Ausgrenzung begründet werden , schwach, passiv, abhängig, anhänglich, hilflos, manipulativ, theatralisch, appellativ, weinerlich ,(über)emotional, irrational, (über)empfindlich, verletzlich, labil, hysterisch, unterordnend, ohne Eigenverantwortung, unselbstständig, blass, verängstigt, (über)sensibel, hörig, wehrlos, willenlos usw. – Nur das in Bezug auf Frauen da wenigstens ein klein wenig gesellschaftliche Reflektion stattfindet, in Bezug auf „Opfer“ und oft auch für Behinderte und psychisch kranke Menschen ist diese meiner Erfahrung nach defakto gleich Null.

Auch auf Seiten der/die Betroffenen spielen diese schädlichen Stereotypen eine wichtige Rolle in Bezug auf die Selbstwahrnehmung. Das geht von den Zweifeln an der eigenen Opferschaft – Warum fühle ich mich nicht so, wie es mir von allen Seiten suggeriert wird, wie ich mich in der Situation zu fühlen habe ?  – Bis zu dem allgegenwärtigen Bewusstsein und der Erfahrung, plötzlich nach dem Erlebten beurteilt zu werden – das man z.B. nur als glaubwürdig betrachtet wird, wenn man sich diesen beknackten Stereotypen entsprechend verhält (oder verhalten kann) – will oder kann man das nicht, bleibt einem oft nur die tatsächliche soziale Isolation hinter einer wie auch immer gearteten Funktionsfassade.

Als Beispiel, das das sogar Fortschritte verhindern kann, seien hier Trigger* genannt. Sobald man diese benennt um sein Umfeld zu sensibilisieren, kann das auch fatale Folgen haben. (sensibilisieren/informieren z.B.aus Sicherheitsgründen weil es einen -wenn, und dafür gibt es viele Faktoren- bis zum Einfrieren umhauen kann und man in diesem Zustand oftmals hilflos ist und bestimmte Reaktionen alles nur verschlimmern können) Sich letztlich dann aber Scheisse fühlt, wenn man in X Fällen (eigentlich erfreulicherweise !) gut mit heiklen Situationen klar kommt, weil man es einfach schon zu oft  erlebt hat, das einem genau deswegen „Drama“ unterstellt wird („Ich denke, der/die kann das nicht ?“ Aha, das geht ja doch ? etc.).

Aber Opfer geworden zu sein, ist ebenso wie das Geschlecht, keine Ansammlung irgendwelcher persönlicher Eigenschaften, sondern in erster Linie ein Ereignis, das von maximaler Hilflosigkeit geprägt wurde – mehr nicht. *PUNKT*- das kann jeden treffen. Und jede Betroffene und jeder Betroffene hat ihren, hat seinen eigenen und einzigartigen und zu 100% zu respektierenden Weg, mit dem Erlebten und diesen beschissenen Gefühlen und Ängsten umzugehen und niemand ausser ihr oder ihm selbst hat das Recht, diesen ungefragt beurteilen oder gar gestalten zu wollen.

Viele Menschen wenden sich leider vom „Opfer“ ab, aus der falschen Angst heraus, das man von ihnen eine „Rettung/Heilung“ erwarten würde und sie sich mit dieser vermeindlichen Erwartung überfordert sehen, dabei entspringt diese Vorstellung in Wirklichkeit vor allem den eigenen verinnerlichten Rollenmustern. Und  „Rettertypen“ hingegen werden sich dementsprechend nur solange mit einem befassen, solange man aktiv (oder passiv) zulässt, das sie einen wieder und wieder in die passive Opferrolle drängen und somit -bewusst oder unbewusst – bevormunden/stellvertreten können. In beiden Fällen wird der Betroffene stigmatisiert und entmündigt und so passiert es leider schnell, das kurz- oder langfristig  keine Auseinandersetzung auf Augenhöhe mehr stattfinden kann.

Die daraus resultierenden und notwendigen Versuche, sich von diesen Klischees und Projektionen zu emanzipieren, indem man über die tatsächlichen auf einen wirkenden Probleme und Mechanismen aufklärt, ist oftmals zum scheitern verurteilt. Denn der Versuch, ein Verhalten und/oder Gefühle / Gefühllosigkeit etc. erklären zu wollen (welche in den Augen des Gegenübers unter Umständen eben im Widerspruch zu dessen falschen Vorstellungen stehen) wird oft grade durch eben diese Vorstellungen in ihrer Motivation nur verzerrt wahrgenommen.

So verzerrt, das diese Erklärungen (!) schlimmstenfalls eher als Gejammer, Rechtfertigungen oder Ausreden eben mißinterpretiert werden, anstatt als Anstoß, ggf. auch  das eigene Rollenverständnis und  Wahrnehmung zu hinterfragen.

Immer wieder wurde ich aus oben genannten Gründen in der Vergangenheit mit zwar gutgemeinten, aber ebenso ungeforderten wie völlig  unbrauchbaren und realitätsfernen „Lösungsvorschlägen“ und letztlich einmal sogar mit heftigsten Vorwürfen konfrontiert.

Als ich mich irgendwann gegen diese verzerrte Wahrnehmung und seinen falschen Vorstellungen eines engen Vertrauten zur Wehr setzte, kam es z.B. plötzlich zu der vernichtenden Aussage, daß „je mehr ich versuchen würde, diese Eindrücke zu vermeiden, ich diese eh nur bestätigen würde“ (in dem Fall den von Abhängigkeit)… und das ich ja wohl offensichtlich „gerne“ ein Opfer wäre – schließlich hätte ich ja seinen einzig wahren Weg <-man muss nur genug wollen/richtig denken zur „Heilung“  abgelehnt. Sein Satz „dafür müsste ich dich aber erst ganz kräftig verändern“ fasst seine Haltung mir gegenüber ganz gut zusammen, denke ich.

Da ich ihn also nicht den Retter sein liess, als den er sich inkl. entsprechender angenehmer Attribute (Kompetenz, Definitionsmonopol, Macht) unbewusst sah, dann konnte ich halt auch nie wirklich ein echtes Opfer gewesen sein, auf das er seine eigenen, mit o.G. Attributen eben auch einhergegenden Ängste, in Form vermeindlicher Erwartungen meinerseits, projizierte, und mit denen er natürlich überfordert war. Dieser Logik folgend, wurde mir von dieser Person später sogar unterstellt, „alles“ nur ausgedacht/übertrieben bzw. zumindest durch die von ihm „diagnostizierte“ Abhängigkeit motiviert selbst verschuldet zu haben.

Das ich an diesem Punkt – aus verständlichem Selbstschutz – die weitere Kommunikation abgebrochen und die Freundschaft nach 6 Jahren wortlos beendete, wertete er als  finales Schuldeingeständnis.

Rückblickend war das ein Ausstieg seinerseits aus einem „Dramadreieck*“ wie im Lehrbuch, ich bin nicht sicher, ob mich diese Erkenntnis – trotz zuzugebendem Eigenanteil und dem Bewusstsein für die Kraft und Wechselwirkungen dieser Dynamiken- zu besänftigen vermag. Denn solche toxischen Sätze und Ereignisse brennen sich tief ein. Ich habe nach diesem Verrat die Stadt und das -zumindest gefühlt- vergiftete und defakto schweigende Umfeld verlassen und nach diesem ersten Versuch mich überhaupt zu öffnen die folgenden 17 Jahre mit niemandem mehr konkret über diese Dinge gesprochen, geschweige denn um Hilfe gebeten (dabei hätte ich wenige Monate später nach einem verheerenden Überfall durch einen üblen Sadisten in meiner Wohnung jede verdammte Hilfe gebraucht), niemand sollte jemals wieder glauben, ich würde ihn brauchen, niemand sollte mich jemals wieder durch Verrat so sehr verletzen können.

Wahrscheinlich steckt auch hinter diesem „Rettergedanken“ neben der gravierenden Unwissenheit über psychische Vorgänge – aus welcher z.B. auch die  falsche Annahme entspringt, das alle psychischen Vorgänge*  nur eine Frage des gesunden (wie das eigene natürlich – siehe Definitonsmonopol) Denkens und Wollens wären – auch der Versuch der  Abwehr der eigenen Hilflosigkeit. Daraus entsteht dann schnell die leider absurde Idee, das „Heilung“ bedeuten würde, das Geschehene ungeschehen machen zu können, wenn man es nur genug wollte.

Dafür ist es aber hinterher nunmal einfach zu spät. Man kann nur lernen und erfahren damit zu leben, und das eben beiweitem nicht nur als ein Mensch, der mal zum Opfer gemacht worden war. Sexualisierte Gewalt und Ohnmacht betrifft nämlich auch das Umfeld und ist nicht nur für direkt Betroffene sehr schwer zu ertragen. Für den Umgang mit (nicht nur sexualisierter) Gewalt haben direkt Betroffene nicht die alleinige Verantwortung, sondern verdammt nochmal jede/r.

Denn diese Gewalt ist ein Teil unserer Gesellschaft,  sie betrifft uns alle immer und überall und in allen Bereichen – mal bewusst mal unbewusst. Und sie beginnt imho und sie setzt sich genau dort fort, wo man einen Menschen aufgrund von unreflektierten Stigmatisierungen beurteilt, entmündigt, übermäßig „schont“ oder ausgrenzt, anstatt ihm aufmerksam und respektvoll auf Augenhöhe fernab dieser ganzen Vorurteile zu begegnen.

Grade Überlebende müssen nicht selten schon so unfassbar stark sein/erscheinen (stärker als es gut für sie ist) und brauchen wie jeder andere Mensch auch, manchmal Verbündete und Vertraute, die ihnen Sicherheit geben- mit denen man z.B. offen und vorbehaltlos über Ängste reden kann die solche Ereignisse und die Reaktionen des Umfeldes hinterlassen, anstatt sich damit verbergen/verdrängen zu müssen um nicht für „schwach“ gehalten und wieder bevormundet/bargwöhnt zu werden. Das letzte was man danach braucht um damit leben zu lernen sind „Retter“, die sich einbilden beurteilen zu können, was für einen richtig oder falsch wäre.

Niemand, der überlebt hat, ist gerne Opfer, im Gegenteil – Ohnmacht ist eines der unaushaltbarsten und beängstigsten Gefühle, die ein Mensch überhaupt erleben kann, als Betroffene/r, als Verbündeter und auch als Aussenstehende/r, damit gilt es sich auseinanderzusetzen. Jede/r ist davon betroffen und jeder ist für sich selbst und seine Abwehrreaktionen und Wahrnehmungen verantwortlich.

Schuld ist nämlich einer der mächtigsten Gegenspieler zu Ohnmacht – hätte man es nicht doch verhindern können ? Und würde man es dann  auch zukünftig verhindern können, wäre man nicht ohnmächtig. Es gibt sicherlich immer irgendetwas, das hätte anders ablaufen können und das gibt einem ein Stückchen von dem Gefühl der Sicherheit -wenn auch nur scheinbar- wieder. Wäre man doch nur stärker gewesen-hätte man geschrien- wäre nicht dort gewesen- nicht mit in die Wohnung- hätte man die Tür nicht geöffnet – und nicht getrunken – das Glas nicht aus den Augen gelassen – nicht das knappe Top angezogen – den Partner rechtzeitig verlassen- nicht geflirtet – hätte man sich jemandem anvertraut (…) All das ist leichter zu ertragen als diese Hilflosigkeit und hier sehe ich auch die Wurzel für das allgegenwärtige Victim blaming, das ja auch durchaus auch von direkt Betroffenen mit sich selbst betrieben wird.

Schweigen war, ist und bleibt darauf keine Antwort sondern ein Teil des Problems – wir brauchen dringend viel mehr offene Gespräche jenseits dieser beknackten Rollenmuster – und das in vielen Bereichen.

Für Überlebende  ist eine der imho wichtigsten Erfahrungen auf dem Weg zur Verarbeitung eines Traumas die Akzeptanz der Tatsache, zum Opfer gemacht worden zu sein, keine Schuld zu tragen, sich zu vergeben -sich zu vergeben schwächer gewesen zu sein – dieses Unrecht was einem widerfahren ist, als Unrecht anzuerkennen und es vielleicht irgendwann auch zu schaffen, darüber zu wütend und  traurig sein zu können, all diese Gefühle zu erleben, die man „währenddessen“ oftmals nicht erleben/erinnern – geschweige denn- Verarbeiten konnte und hinterher verdrängte, um weiter funktionieren (und überleben) zu können. Gefühle, die einem -ungelebt- die Seele und das Gedächtnis verstopfen* – Vielleicht fällt hier dem ein oder anderen auf, inwieweit das im Widerspruch zu den „gutgemeinten“ Wünschen nach Verdrängung und den Klischees Eingangs dieses Textes steht. Es ist z.B. verdammt hart und es fühlt sich sehr einsam an, wenn einem jemand versichtert, wie toll er es findet, daß man so stark wäre, während man selber noch nie imstande gewesen ist, wegen dem, was einem geschah, zu weinen .

Wenn ihr das nächste mal einem oder einer Überlebenden begegnet, seht hin und hört zu … und fragt doch einfach mal, was er oder sie braucht. Das wäre ein Riesenschritt und für beide Seiten unter Umständen ziemlich überraschend, denn da hört das schwache -fremdbestimmte- Opfer auf und da fängt der starke -selbstbestimmte- Mensch an.

 

*Auf diese hochkomplexen Mechnismen weiter einzugehen sprengt den Rahmen dieses Beitrages, aber das Internet bietet reichlich Gelegenheit, sich mit qualifizierteren Informationen (als ich das jetzt könnte) über Traumata, Flashbacks, Dissoziation, Ptbs etc. zu versorgen.